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VdK-Saarland: "Bürgerbusse sind ein Erfolgsmodell"

VdK-ZEITUNG

"Bürgerbusse sind ein Erfolgsmodell“

Als erste Gemeinde im Saarland startete Kirkel vor einem Jahr einen kostenlosen Bürgerbus. Der Seniorenbeauftragte Hans-Peter Schmitt spricht im Interview über die ehrenamtliche Initiative, die da mobil macht, wo es sonst oft nur zu Fuß ginge.

Ehrenamtliche vor dem Bürgerbus Kirkel 
Vereinsvorsitzender Hans-Peter Schmitt und Vereinsmitglieder Holger Janes und Stefan Guckert (von links nach rechts) beim Eintreffen des Fahrzeugs. | © Bürgerbus Kirkel


War es ein weiter Weg, bis das Projekt ins Rollen kam?

Hans-Peter Schmitt: Wir haben im Saarland absolutes Neuland betreten und mussten das Projekt ohne professionelle Hilfe stemmen. Ich habe familiäre Verbindung nach Ostwestfalen und beobachte den dortigen Bürgerbus seit 2009. In Nordrhein-Westfalen sind solche Initiativen weit verbreitet, das Konzept entstand in den Niederlanden und wurde von NRW als erstes Bundesland übernommen. Im November 2016 habe ich das Projekt schließlich dem Kirkeler Seniorenbeirat vorgestellt.

Warum brauchen Gemeinden die Initiative?

Hans-Peter Schmitt: Kirkel ist zwar im Gegensatz zu vielen anderen saarländischen Gemeinden eine kleine, kompakte Gemeinde. Allerdings gibt es Siedlungen in jedem der drei Ortsteile, die mit dem öffentlichen Nahverkehr nicht an das Dorfzentrum angebunden sind. Der Bürgerbus erfüllt einen gesellschaftspolitischen Auftrag: Wir sind nicht nur ein Transportmittel, sondern schaffen Kontakte, damit sich Menschen treffen können. Wir sind ein Bürgerbus, kein Seniorenbus. Unsere Fahrgäste stammen aus allen Altersklassen.

Haltestellen-Schild 
Blau markiert: Die Haltestellen des Bürgerbusses. | © Bürgerbus Kirkel


Nach welchem Modell fährt der Bürgerbus?

Hans-Peter Schmitt: Wir haben uns für das Linienmodell entschieden, fahren also auf einer festen Linie nach einem Fahrplan. Möglich wäre auch ein Haustür-zu-Haustür-Geschäft, hier meldet der Fahrgast am Vortag einen Fahrtwunsch bei einer zentralen Stelle an. Hierbei vermeidet man Leerfahrten, mit unserer ehrenamtlichen Basis lässt sich das Linienmodell aber besser umsetzen.

Sollten nicht reguläre Busse ihr Angebot verbessern?

Hans-Peter Schmitt: Bürgerbusse sind keine Konkurrenz zum regulären Verkehrsbetrieb, sie ergänzen diesen. Der Unterschied ist, dass wir auch verkehrsberuhigte Zonen anfahren, wo große Busse nicht hinkommen. Zudem bedienen wir manche Strecken zu Zeiten, die für wirtschaftlich orientierte Unternehmen nicht infrage kommen. Wir bringen Fahrgäste zu den Knotenpunkten, etwa zu größeren Bushaltestellen oder Bahnhöfen, damit sie von dort aus weiterkommen.

Ist der Bus barrierefrei?

Hans-Peter Schmitt: Unser Neunsitzer entspricht den gesetzlichen Anforderungen für einen Bürgerbus, er ist mit einer zusätzlichen Trittstufe und Haltegriffen versehen. Einen Rollator können wir mitnehmen, aber der Rollstuhltransport ist leider nicht möglich.

Welche Hürden gab es?

Hans-Peter Schmitt: Innerhalb der Gemeinde fanden wir rasch Zuspruch, aber beim Land brauchte es Überzeugungsarbeit. Wir hatten zunächst Probleme bei der Vereinsgründung, die wir allein schon für die Haftungsfrage brauchten: Das Amtsgericht hatte uns als Gewerbetreibende eingestuft und die Eintragung ins Vereinsregister abgelehnt, weil die Verantwortlichen davon ausgingen, dass wir Einnahmen erzielen. Hier mussten wir Rechtsmittel einlegen. Unserem Antrag auf Anerkennung der Gemeinnützigkeit hat das Finanzamt Völklingen nicht entsprochen. Die zuständige Rechtsbehelfsstelle in Saarbrücken hat bis heute nicht auf unseren Einspruch von April 2019 reagiert.

Inwieweit ist Ihr Projekt Vorreiter?

Hans-Peter Schmitt: Auf unsere Initiative hin hat das saarländische Wirtschaftsministerium im November eine Förderrichtlinie für Bürgerbusse erlassen, die die Gemeinden bei der Beratung unterstützt, die Fahrzeugbeschaffung und Organisation mitfinanziert. Es vergingen immerhin 27 Monate, bis wir starten konnten. Gemeinden, die unserem Beispiel folgen, profitieren nun von den Förderrichtlinien.

Wie haben Sie genug Ehrenamt­liche gefunden?

Hans-Peter Schmitt: Ich habe pausenlos das Projekt vorgestellt und dafür geworben, dass sich Fahrer melden – zum Beispiel in Ratssitzungen, aber auch Thekengespräche sind nicht zu unterschätzen. Man kennt die Menschen und weiß, wer bald in Rente geht. Alle vier Wochen treffen wir uns zu einer Fahrerbesprechung, dort werden die Einsätze des kommenden Monats und die Wünsche der Fahrgäste diskutiert. Wir haben im August den Fahrplan angepasst, weil manchen Menschen die Verweildauer an einem Ort zu lange war oder die Rückfahrmöglichkeit fehlte.

Welches Fazit ziehen Sie nach einem Jahr?

Hans-Peter Schmitt: Es ist ein Erfolgsmodell – wir ­erhöhen die Mobilität unserer Bürgerinnen und Bürger und bringen sie sicher zu Ärzten, zum Einkaufen, zum Mittagstisch. All das, was man ansonsten zwar auch erreichen kann, aber oft nur zu Fuß. Wir helfen Fahrgästen beim Ein- und Aussteigen und wenn es erforderlich ist, halten wir auf der Strecke nahe der Haustür. Da finden wir individuelle Lösungen.

Welche Probleme gibt es noch?

Hans-Peter Schmitt: Leider müssen wir uns jedes Jahr aufs Neue um Gelder bemühen. So lange ich körperlich fit bin, werde ich das Projekt weiter begleiten. Eines Tages muss man das Projekt bei der Verwaltung ansiedeln, sonst geht es nicht. In einigen Gemeinden, die nun nachziehen, ist die Koordinierung direkt im Rathaus angesiedelt.

Vorbild für andere

Rund 1700 Fahrgäste hat der Kirkeler Bürgerbus seit Februar 2019 transportiert. 19 Ehrenamtliche fahren insgesamt fünf ­Tage die Woche, fünfmal täglich mit rund 175 Kilometern Strecke pro Tag. Wer mitmachen will, sollte über 25 Jahre alt sein und seit mindestens drei Jahre im Besitz des Führerscheins der Klasse B oder Klasse 3 sein. Es besteht die Möglichkeit, Fördermitglied des Vereins zu werden.

Das Projekt finanziert sich durch Zuschüsse der Gemeinde, Spenden von Gewerbetreibenden, eine Unterstützung des Landrats und des Landes. Püttlingen, Wallerfangen, Gersheim, Großrosseln, Eppelborn und Mandelbachtal wollen dem Kirkeler Beispiel bald folgen. Mehr Infos unter www.buergerbus-kirkel.de und www.buergerbus-saarland.de


Hinweis: Der Redaktionsschluss dieses Artikels lag vor der Ausbreitung der Corona-Pandemie.

Myriam Moser